„Der mit der Pudelmütze da drüben bekommt bekommt heute bestimmt noch eins auf die Fresse!“ Sagte Thorsten und nickte mit dem Kopf rüber auf die andere Straßenseite. Drüben lief ein Junge aus einer Prallelklasse, dessen Name ich nicht einmal genau kannte und der in der Neubausiedlung wohnte. Er ging alleine zur Schule und hatte eben diese rote Pudelmütze auf, die der Anstoß von Thorstens Bemerkung war.
Nach einen langen relativ warmen Herbst war es nun doch kälter geworden. Eben Novemberwetter. Nass, kalt und grau. Dunkelgrau! Wie das eben so in Berlin ist. Der Junge hatte die Mütze bestimmt nicht freiwillig aufgesetzt. Bestimmt hatte seine Mutter ihm das Ding an der Haustür verpasst gehabt. „Junge, jetzt wo es Winter wird musst du deine Mütze wieder tragen. Sonst holst du dir noch was weg!“ Oder so etwas. Wäre er schlau gewesen, dann hätte er die Pudelmütze, kaum das er um die nächste Straßenecke gebogen war, schnell abgesetzt und in der Schultasche verstaut. So wie ich. Denn mit 8 war es nicht wirklich cool gewesen Wollmützen zu tragen. Und schon gar nicht mit einer Bommel oben drauf! Eben Pudelmützen, wie man so schön dazu sagte.
Thorsten und ich waren aus dem Abendland, so wie wir selbst die Ansiedlung von Altbauten rund um die Martin-Luther-Kirche nannten. Alle Kinder, die dort lebten, hatten es so genannt. Niemand wusste mehr wer den Begriff aufgebracht hatte oder ob es wirklich unsere Generation von Kinder gewesen war oder vielleicht eine davor. Wobei vieles dafür sprach, das unsere Genration es gewesen war. Denn das Morgenland, die Neubausiedlung hinter der Kirche, gab es erst seit den frühen 70zigern. Wir hatten keine Ahnung ob sich die Kinder von der Neubausiedlung selbst Morgenländer nannten, aber wir waren die Abendländer. Wer jetzt auf die Idee kam, das wir die die Morgenländer so nannten, weil in der Neubausiedlung so viele Gastarbeiterfamilien wohnten, der irrte sich. In der Siedlung wohnten kaum Gastarbeiterfamilien. Dafür waren die Wohnung dort anfangs viel zu teuer gewesen. Überhaupt gab es in Mariendorf gar nicht so viele Ausländer. In meiner ganzen Grundschulzeit hatten wir gar keine in der Klasse gehabt. Nur ein Mädchen in einer Parallelklasse war Türkin gewesen. Erst in der Oberschule hatte ich einen türkischen Klassenkameraden bekommen. Einen! Und das bis zur Zehnten!
So war das Damals in den 70zigern und 80zigern in Mariendorf.
Wir hatten ja nichts. Nicht einmal Ausländer. Da waren dann Pudelmützen ein echter Aufreger gewesen.